Veraltete Kernsysteme sind in der Versicherungsbranche nach wie vor weit verbreitet. In unseren Transformations- und Datenmigrationsprojekten begegnen uns regelmässig Systeme mit einem Betriebsalter von 40 bis 50 Jahren. Was diese monolithischen Systeme eint: Sie sind hochgradig optimiert, bilden sämtliche historischen (Einzel-)Fälle ab und decken die volle Bandbreite fachlicher Kontexte ab. Sie bilden jedoch für die Transformationsprojekte ein fragiles Fundament.
Legacy-Systeme sind weit mehr als reine Bestandsführungssysteme. Sie verwalten Policen und wickeln Leistungen und Schäden ab, umfassen die gesamte Vermittler- und Partnerdatenverwaltung, steuern die Antragsstrecke bis zur Provisionierung und verantworten zusätzlich das In- und Exkasso. Fehlende Systemgrenzen und Modularisierung ermöglichen zwar eine hohe bis optimale Performance – die Prozesse sind eng verzahnt, nahtlos integriert und über Jahrzehnte bis an ihre (technischen) Grenzen ausoptimiert. Doch genau diese gewachsenen Strukturen haben über die Jahre erhebliche technische Schulden angehäuft. Die Folge: steigende Wartungskosten, geringe Anpassungsfähigkeit und mangelnde Transparenz.
Ein zentrales Risiko ist das sogenannte „Single-Expert-Risk": Kritisches Systemwissen konzentriert sich häufig auf wenige erfahrene Spezialisten, die kurz vor dem Ruhestand stehen. Geht dieses Wissen verloren, entstehen Abhängigkeiten, die sowohl den laufenden Betrieb als auch die Weiterentwicklung erheblich gefährden.
Wird die Modernisierung zu lange aufgeschoben, steigt die Komplexität der anstehenden Transformation – organisatorisch wie technologisch. Erste Ansätze, wie KI dabei unterstützen kann, diese Herausforderung (etwas) abzufedern, beleuchten wir in einem späteren Abschnitt.
Zugleich wirkt Legacy-IT als Innovationsbremse. Starre Architekturen verzögern Produkteinführungen und erschweren die Integration von Cloud-Services, APIs oder KI-Lösungen. Während Kunden nahtlose digitale Services erwarten, verharrt der Automatisierungsgrad vieler Altsysteme bei lediglich 40 bis 50 Prozent. Zusätzlich erhöhen regulatorische Anforderungen wie DORA (Digital Operational Resilience Act), MaRisk (Mindestanforderungen an das Risikomanagement) oder VAIT (Versicherungsaufsichtlichen Anforderungen an die IT) den Handlungsdruck weiter.
Gemäss PwC Studie (Juli 2024) werden in den in den nächsten paar Jahren mehr als 75% der Versicherungen im DACH-Raum mindestens eine Sparte austauschen oder modernisieren wollen. Abwarten ist damit keine Option mehr. Als Versicherung muss eine passende Transformationsstrategie bewusst gewählt werden.