Swissdec KLE: Noch ist Zeit für einen Wettbewerbsvorteil
Zwei Drittel der Unternehmen erhalten noch in diesem Jahr eine Funktion in ihrer Buchhaltungssoftware, die sie nicht verwenden können: die elektronische Meldung von Unfällen und Krankheitsfällen an Versicherungen. Auf die administrative Erleichterung dürften die meisten noch 1-2 Jahre warten, denn ihre Versicherer zögern. Nur deren drei sind für digitale Übermittlungen eingerichtet. Alle anderen haben jetzt noch die Chance, sich diesen Wettbewerbsvorteil zu sichern.
60 % des Marktes abgedeckt
Fällt ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin wegen Krankheit oder Unfall aus, generiert das viel Arbeit in der Buchhaltung. Formulare müssen eingereicht, Arztzeugnisse übermittelt und Versicherungsleistungen abgebucht werden. Nach wie vor sind dafür manuelle Eingaben unumgänglich. Für zwei Drittel der Schweizer Unternehmen könnte sich dies noch in diesem Jahr ändern, hätten ihre Versicherungen keinen Nachholbedarf.
Versicherungskunden sollen künftig Informationen und Dokumente zu Schadensfällen über eine Schnittstelle direkt aus ihrer Buchhaltungssoftware einreichen können. Möglich macht es ein gemeinsamer Übermittlungsstandard der Versicherungsbranche, der Kundenintegrierte Leistungsprozess (KLE) der Swissdec. Für diesen müssen sowohl die Buchhaltungssoftware als auch die Versicherung technisch eingerichtet sein.
Im nächsten halben Jahr haben die grössten Hersteller von Enterprise-Resource-Planning-Systemen (ERP), in denen die Buchhaltungssoftware in der Regel eingebettet ist, die Funktion bei sich eingebaut. «Damit sind über 60 % des Marktes abgedeckt», so Benjamin Haldimann, Leiter Standardisierung beim Branchenverein Swissdec, der die Schnittstelle verwaltet.
Anschluss nicht vorhanden
Demgegenüber stehen bislang lediglich drei Versicherer, die Übermittlungen via KLE empfangen können: SUVA, SWICA und Zürich. Die beiden Letzteren haben die Schnittstelle mit der nag informatik eingerichtet.
Derzeit ist es also, wie wenn die Unternehmen das Telefon ans Ohr hielten, während die Versicherung noch gar keines gekauft hat.
Benjamin Haldiman, Leiter Standardisierung Swissdec, an der Kundenmatinée der nag informatik.
Keine Priorität für Leistungsabwicklung und IT
Der Grund für das zögerliche Vorgehen der Versicherungen liegt wohl am Rattenschwanz, den die KLE-Einführung nach sich zieht. Es gehört – hier scheitert die Metapher – mehr dazu, als bloss einen Hörer abzunehmen. Die Formulare bei Unfällen und Krankheitsfällen durchlaufen zahlreiche Überprüfungen und wandern dementsprechend über diverse Schreibtische. «Die Leistungsabwicklung arbeitet mit seit Jahrzehnten eingespielten, feingliedrigen Abläufen», sagt Haldimann. Diese müssten für KLE teilweise auf den Kopf gestellt werden. «Um die Leistungsabwicklung davon zu überzeugen, braucht es intern einige Anläufe.»
Die KLE-Einführung ist nicht nur deshalb eine Investition für das Versicherungsunternehmen. Die Schnittstelle erfordert auch Anpassungen der IT-Infrastruktur. Deshalb hält sich die Priorität von KLE auch in der IT-Abteilung in Grenzen. Zumal deren knappe Budgets und Kapazitäten in dringende Projekte wie Legacy-Ablösungen fliessen.
Guillaume Feller, Senior Software Engineer der nag informatik erklärt: Zur digitalen Übermittlung von Unfällen und Krankheitsfällen gehört mehr, als nur einen Hörer abzunehmen.
Steigender Druck vom Vertrieb
Für internen Druck sorgt einzig der Vertrieb. «Dieser wird die Einführung bei den Versicherungen vorantreiben», so Haldimann, «spätestens, wenn KLE zum Entscheidungsfaktor beim Verkauf von Versicherungen wird.» Dann steige der interne Druck schnell. Versicherungen, die hier lange zuwarten, drohen Einbussen im Wettbewerb.
Von Unternehmen habe er vernommen, dass sie, einmal ausprobiert, KLE nicht mehr missen möchten. Ihnen bleiben also derzeit die drei genannten Versicherungen als Optionen. Ähnliches berichtet Sascha Brodmann, CEO der nag informatik, die die Schnittstelle für die SWICA und Zürich eingerichtet hat. «Eine Versicherung hat uns gegenüber offen gesagt, dass ihnen ein Abschluss verloren ging, weil der Kunde die elektronische Übermittlung unbedingt wollte. Das gab der Versicherung den Impuls die Schnittstelle ebenfalls einzuführen.»
In diesem Fall ging es zwar noch um das bereits etablierte einheitliche Lohnmeldeverfahren (ELM) von Swissdec, aber Ähnliches dürfte der Versicherungsvertrieb bald auch betreffend KLE zu hören bekommen.
Schnellere und steilere Kurve erwartet
ELM ist mittlerweile Branchenstandard. Die Schnittstelle für die jährlichen Lohnmeldungen steht 90 % der Unternehmen zur Verfügung und verzeichnet jährlich 42,5 Millionen übermittelte Personaldaten.
Die ELM-Einführung harzte allerdings. 2006 nahm die Schnittstelle den Betrieb auf. Nach zehn Jahren lag die Anzahl übermittelter Personaldaten gerade mal bei 2,5 Millionen. Seither stieg die Nutzung jährlich um zwischen 2 und 5,5 Millionen auf den heutigen Stand.
Die digitale Übermittlung von Lohndaten ist ein Erfolg, der zwei Jahrzehnte Geduld forderte.
Für KLE prognostiziert Haldimann: «Die Kurve von KLE wird schneller steiler nach oben zeigen als bei ELM. Es wird nicht gleich lange dauern, bis auch KLE Branchenstandard ist.» Das gelingt allerdings nur, wenn sich weitere Versicherungen für die KLE-Einführung entschliessen. Bis dahin bleibt der SUVA, SWICA und Zürich ein immer beliebter werdender Wettbewerbsvorteil. Es wird sich zeigen, wie viele Kunden nicht so lange warten möchten, bis auch ihr Versicherer das Telefon endlich eingerichtet hat.
Text: Samuel Rink, Fotos: nag informatik/Samuel Rink