Der Freitag ist schon zwei Stunden vorüber, als sich die Letzten auf den Heimweg machen, um doch noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Regjep und Valentino hatten schon vor Stunden eine erste Version des Frontends fertiggestellt und dem Team so das Tempo vorgegeben.
Ein sanfter Druck, der uns half, das gesetzte Ziel für den ersten Tag zu erreichen: ein minimaler, aber funktionsfähiger Prototyp. Das heisst ein einfaches Formular, einen BPMN-Prozess im Backend, einen Aufruf des AI-Services und den Versand einer Bestätigungsmail.
Am nächsten Morgen trudeln alle zu sehr unterschiedlichen Zeiten ein, die meisten mit nur ein paar Stunden Schlaf. Unser Youngster Morris war am Vorabend in Freiburg gar auf einer Halloween-Party. Er kommt etwas später, hat aber auf der Fahrt zur Feier weitergearbeitet. Ich andererseits, bekomme zu spüren, dass ich einer der Ältesten bin: Eine so kurze Nacht stecke ich nicht mehr so leicht weg.
Trotzdem, jetzt gilt Vollgas. Das Ziel ist klar, die Aufgaben sind verteilt, los gehts!
Unsere Business-Engineers Litty und Kathrin vertiefen sich in ihre Recherchen und erarbeiten einen realistischen Fragebogen für den Antrag zu einer Lebensversicherung.
Artur übernimmt das Datenmodell, die zentrale Schnittstelle zwischen den Modulen. Geschickt koordiniert er sich mit dem ganzen Team. Mit Liquibase implementiert er die kontinuierliche Datenbankmigration und definiert die OpenAPI-Schnittstelle fürs Frontend.
Dieses wird von Regjep und Valentino perfektioniert. Sobald Litty und Kathrin mit dem umfangreichen Fragebogen fertig sind, bauen die beiden es ein und Valentino versteckt sogar noch ein kleines Spiel als Easter Egg.
Derweil modelliere ich den Prozess im Camunda Modeler. Kathrin und Litty machen sich im gleichen Tool an die Definition der Business-Rules für das Underwriting in einer Decision Model and Notation (DNM).
Kampf um ein paar Stunden Schlaf
Wir geben alles und machen solide Fortschritte. Da ich mir eine weitere kurze Nacht nicht leisten kann, habe ich mir vorgenommen, heute früher zu gehen. Ich bin zuversichtlich, denn gerade testen wir die Integration zum ersten Mal. Aber halt! Ein Fehler. Mist.
Die Suche nach der Ursache dauert eine ganze Weile. Kostbare Zeit schwindet dahin, bis wir endlich merken, woran es liegt: Die Kommunikation zwischen AI-Service und Backend funktioniert nicht.
Es ist schon nach 22 Uhr, als wir den Durchbruch schaffen: Wie geplant legt das Frontend Anträge an, der LLM-Service bewertet Sportarten nach Risikofaktor null bis zehn, die strukturierten Daten durchlaufen die Business-Rules in der BPMN-Engine, während das ML-Modell den Antrag prüft. Als am Ende das Ergebnis per Mail ankommt, ist klar, der wichtigste Meilenstein ist erreicht.
Jetzt fehlt nur noch die Integration weiterer Endpoints für die Bewertung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit. Mehr Arbeit als wir erhofft hatten. Gerade steigt das Grauen vor einer zweiten Nachtschicht in mir hoch, da erklärt sich Artur bereit, die verbleibenden Arbeiten zu übernehmen. Ich bin dankbar und erleichtert.
Sonntag: Pitch und Fazit – wir haben’s geschafft!
Artur arbeitet tapfer bis fünf Uhr in der Früh einen Berg von Aufgaben ab und gönnt sich dann doch noch ein Nickerchen auf einem der Sessel. Etwas später weckt ihn das Geschirrgeklapper des Putzpersonals. Der finale Tag ist angebrochen.
Erschöpft, aber hoch motiviert setzen wir zum Endspurt an. Wir finden nochmals einen kleinen Fehler in der DMN-Logik, der gesunden jungen Kunden fälschlich eine Absage erteilt. Keine grosse Sache, das Problem ist schnell gelöst.
Gegen 10 Uhr läuft das System stabil. Wir bekommen Unterstützung von unseren Kolleginnen und Kollegen. Die nag-Community testet fleissig. Alles funktioniert fehlerfrei.
Jetzt rasch noch die Screenshots für die Jury ins Repository gestellt, die Readme-Datei aktualisiert und abgeschickt. Es eilt, denn alles, was nach 12 Uhr committed wird, bedeutet Disqualifikation. Nur fünf Minuten bleiben uns noch, als wir den letzten Commit hochladen. Geschafft.
Während sich das Team mit Salaten und Sandwiches regeneriert, übt Sebastian seine Präsentation. Filipe Luis, Leiter Projects und Consulting bei der nag, besucht uns mit seiner Tochter und bringt Prosecco. Mit Stolz stossen wir auf das erfolgreiche Wochenende an.
Beachtliche Leistung – auch ohne Kür
Jetzt bleiben nur noch die Projektpräsentationen. Die Spannung steigt, denn anschliessend kürt die Jury das Siegerprojekt. Wir präsentieren als Dritte in der Reihe. Sebastian stellt unsere Lösung kurz und prägnant vor. Dann zeigt er live unsere fehlerfrei funktionierende Applikation. Kleines Extra: Die Jury und das Publikum dürfen sie sogar selbst ausprobieren.
Vier weitere Teams haben sich wie wir an der Challenge der Pax Versicherung versucht. Am Ende müssen wir den Sieg einem anderen Team überlassen. Das Team brilliert bei der Präsentation. Das nehmen wir als Learning für das nächste Mal gerne mit. Wir gratulieren und gönnen dem Team den Sieg.
Macht sich bei uns eine leise Enttäuschung über den Ausgang bemerkbar, dann nur, weil uns als Expertinnen und Experten klar ist: In 48 Stunden hat das Team in technischer und fachlicher Hinsicht Beachtliches geleistet. Wir haben eine betriebsbereite Lösung mit benutzerfreundlichem Frontend, einer BPMN-Engine im Backend und einer Datenverarbeitung mit AI- und ML-Services.
Auf dem Heimweg schreibt Kathrin im nag-Chat: «Danke fürs Daumendrücken und eure guten Wünsche! Wir haben zwar nicht gewonnen, aber mir persönlich hat es sehr Spass gemacht – vor allem mit so einem grossartigen Team! Ich bin jederzeit wieder dabei.»
Ähnliche Nachrichten folgen. Für einige im Team war es der erste Hackathon und, wie sie sagen, nicht der letzte. Für die Tochter von Filipe ist das allerdings schwer nachzuvollziehen:
«Papi, sind die echli blöd? Bis am vieri am Morge schaffe – und denn nit emol gwinne!»
Text & Bilder: David Übelacker, Samuel Rink