Es ist noch nicht lange her, da harzten die ersten Programmierversuche mit den KI-Chats. Generierter Code war kaum zu gebrauchen, produzierte massenweise Fehler. Heute ist die Lage anders, sagt Morris Keller, Data & AI Engineer bei nag informatik. «Es ist ein massiver Qualitätsunterschied. Der Code läuft viel öfter auf Anhieb.» Ein Quantensprung der Informatik. Wenn auch nicht ganz über Nacht. «Es ist nicht wie bei einem neuen Service, der plötzlich da ist - wie damals Uber. Bei der KI ist das anders.» Die KI entwickle sich inkrementell weiter und die Verbesserungen zwischen den Updates sind manchmal kaum wahrnehmbar. «Erst wenn wir diese kleinen Schritte addieren, wird es zum Quantensprung», sagt Morris.
Für ihn ist die KI längst mehr als eine Stütze für Textkorrekturen, Zusammenfassungen und Brainstorming: «Wo möglich, schreibe ich keine Zeile Code mehr. Ich bin jetzt mehr Requirement-Engineer als Coder.» Wenn keine sensitiven Daten oder eine geschützte Umgebung im Spiel sind, lasse Morris die KI arbeiten und der Effekt sei enorm. Morris vergleicht es mit der Arbeit auf einer Baustelle. «Wir gruben alle von Hand mit Schaufeln. Jetzt arbeiten wir mit einem Bagger und bewegen richtig viel Erde.» Mit der KI haben Entwickler eine viel grössere Hebelwirkung.
Lösungen auf Knopfdruck
Morris entwickelt aber nicht ganze Teil-Programme mit der KI, sondern setzt sie strategisch ein. «Meine Fragen lauten eher: Ich habe diese Inputs in einer Funktion, wie setze ich sie um? So entstehen kleine Änderungen.» Auch die Suche nach Fehlern habe sich beschleunigt. Statt stundenlang nach einem fehlenden Semikolon oder auf Plattformen wie Stack Overflow zu suchen, kommt ein passender Lösungsansatz innert Sekunden auf Knopfdruck und damit auch der gesuchte «Aha-Moment». Morris schätzt, dass sich seine Arbeit hier um ein Vielfaches beschleunigt hat.
Die KI leistet aber schon vorher wertvolle Dienste. Noch bevor die erste Zeile Code entsteht, nutzt Morris sie bei der Konzeption und Architektur. Oder ganz simpel: «Kannst du mir erklären, wie die Technologie funktioniert? Also Fragen, die es zu klären gilt, bevor ein Projekt startet», sagt Morris. Das betreffe eine Umsetzung mit einer neuen Technologie genauso wie ein Proof-of-Concept. So lassen sich Entscheidungen beim Projektstart besser abwägen, Probleme vermeiden und «wir können uns rascher an die Umsetzung machen», sagt Morris.
Morris braucht es trotzdem noch
Trotz aller technischen Fortschritte, ein Selbstläufer ist die KI nicht – oder sollte es zumindest nicht sein. Morris spinnt den Bagger-Vergleich weiter: «Mit so einer leistungsstarken Maschine lässt sich auch viel Unheil anrichten. Eigentlich wollte jemand das Blumenbeet umgraben, plötzlich ist der ganze Garten eine Baustelle.» Das kann passieren, wenn generierter Code ungeprüft eingepflegt wird und der Überblick darüber verloren geht, wie Funktionen zusammenhängen.
«Wir müssen den Code verstehen und überprüfen, ob die KI ihn tatsächlich so schreibt, wie wir es wollen.» Die KI-Branche macht grosse Fortschritte, aber noch immer sind Halluzinationen – also Unwahrheiten oder Fantasie-Code – ein Thema. Oder aber die Requirements waren doch noch zu ungenau oder wurden von der KI falsch verstanden. «Das passiert dann, wenn die KI zu wenig Kontext und keine Leitplanken bekommt.» So habe die KI einen zu grossen Spielraum und schweife in Halluzinationen ab. «Solange ich den Lösungsweg kenne, ihn klar vorgebe und – eben – überprüfen kann, habe ich damit keine Probleme.»
Mit der KI mitgehen
Trotz KI fühlt sich Morris in seiner Arbeit nicht unterfordert. «Ich programmiere jetzt zwar nicht mehr Zeile für Zeile, aber ich leite einen neuen Mitarbeiter an.» Am Anfang des KI-Booms sei die KI auf dem Niveau eines schlechten Praktikanten gewesen. Nun sei sie deutlich mehr als das. Ausserdem sei «der KI-Markt schnelllebig und wir müssen mitgehen und am Ball bleiben», sagt Morris. Entwickler dürften sich nicht zu sehr auf ein KI-Modell fixieren und müssten die neuesten Tools der Anbieter kennenlernen, um die Effizienzgewinne optimal nutzen zu können.
Für Morris steht fest: Die Zukunft gehört nicht den Entwicklern, die am schnellsten programmieren können. Gefragt sind jene, die Probleme verstehen, Anforderungen formulieren und die Möglichkeiten der KI gezielt einsetzen. Der Bagger baut den Garten nicht von allein. Doch wer ihn beherrscht, kommt deutlich schneller ans Ziel.
Text: Samuel Rink, Bild: KI generiert

